Erklärung der Linksjugend Leipzig über den Instagram-Post zu Radikalfeminismus

TW: Transfeindlichkeit

Am 16. Oktober 2021 haben wir auf unserem Instagram-Account den zweiten Post einer Reihe namens “Feministische Theorie” veröffentlicht. Die ursprüngliche Idee war, einerseits den liberalen Feminismus zu kritisieren und andererseits die verschiedenen feministischen Strömungen innerhalb unserer Gruppe darzustellen. Die Basisgruppe hatte zu diesem Zeitpunkt und bis heute kein ausgeprägtes, gemeinsames Feminismusverständnis: Es gab einige, die sich als Queerfeminist:innen einordnen würden, andere als Radikalfeminist:innen oder marxistische Feminist:innen. Im Allgemeinen war aber weder Feminismus noch die Terf-Debatte ein großes inhaltliches Thema und eher Wenige sind mit den aktuellen Fragen und Problemen vertraut. Deswegen hielten wir es für unproblematisch, die verschiedenen Strömungen, wie sie eben bei uns vertreten wurden, neutral nebeneinander zu stellen. Aus dieser Ahnungslosigkeit haben wir vollkommen falsch eingeschätzt, was die aktuelle Stellung des Radikalfeminismus ist und was aktuell in dieser Debatte eigentlich genau verhandelt wird. Wir haben also auch nicht verstanden, dass wir durch den Post nach außen signalisieren: „Wir tolerieren hier diese Positionen und auch diesen Chauvinismus, der damit einhergeht.“ Wir bitten um Entschuldigung dafür, so unbedacht Texte zu veröffentlicht zu haben (und selbst die chauvinistischen bzw. transexklusiven Äußerungen in unserer Gruppe toleriert zu haben.)
Da uns nun klar geworden ist, dass es nicht möglich ist, diese Positionen neutral gegeneinander zu stellen und dass wir in dieser Form keine transinklusive Gruppe sind, erklären wir, dass offen chauvinistisches Verhalten gegen trans-Personen oder Nonbinaries mit uns als Linksjugend Leipzig nicht vereinbar ist. Dieser transexklusive Chauvinismus zeichnet sich dadurch aus, dass Kritik an Problemen innerhalb des Feminismus oder der LGBTQ-Bewegung vorgeschoben wird, um die prinzipielle Ablehnung von trans-Personen zu rechtfertigen.

Chauvinistisch wird es genau dadurch, dass es eigentlich kein Interesse daran gibt, die Phänomene (bspw. Geschlechtsidentität, Dysphorie usf.) und Konflikte wohlwollend zu verstehen. Diese prinzipielle Ablehnung zeigt sich heutzutage in Äußerungen und Verhalten beispielsweise so:
– Als Darstellung von normalem oder natürlichem lesbischen, schwulen und bisexuellen Begehren gegenüber einer verrückten Transness.
– Als Unterteilung von transgender in “rationale Transsexuelle” einerseits und “ideologische nonbinary Kinder” andererseits, wobei erstere zwar gestört seien, man ihnen aber unter Umständen durch die vorgegebenen psychiatrischen und medizinischen Maßnahmen helfen sollte, während letztere bloß einem Modetrend folgen würden.
– Als prinzipieller Ausschluss, sodass trans-Frauen und Nonbinaries ganz grundlegend nicht als Teil des Feminismus verstanden werden, statt die Probleme und Konflikte, die sich z.B. zwischen cis- und trans-Frauen ergeben können, bezogen auf die jeweilige feministische Praxis (Frauenhäuser, Flinta-Plenum usf.) diskutiert und gelöst werden.
– Als absichtliches bzw. beleidigendes Misgendern, also, wie es häufig gerne ausgelebt wird, darauf zu bestehen bspw. eine trans-Frau immer wieder als er/ihn oder Mann zu bezeichnen.
– Als Operationsanforderungen, damit die Transness akzeptiert wird. (Schön deutlich an der Debatte “Penis in der Frauenumkleide”, die aber selbst nicht mal konsequent darauf hinausläuft, operierte trans-Frauen anzuerkennen.)
– Als geäußerter Ekel vor trans-Personen, insofern sie trans sind. (Natürlich kann so ein Ekel nicht ausgeschlossen werden und sollte auch in entsprechenden Reflexionsrunden besprochen werden können.)
– Indem trans-Männer und Nonbinaries darauf reduziert werden sollen, geschädigte Frauen zu sein.

Es handelt sich hierbei aber um keine abgeschlossene Liste und bei dem chauvinistischen Verhalten nicht um etwas, das sich allein anhand Äußerungen festmachen ließe, da die Intention das Entscheidende ist. Da wir als Basisgruppe aber im Allgemeinen nicht so viel Ahnung von der aktuellen Debatte und den dahinter liegenden Problemen haben, können wir bisher keine sichere Gruppe für Transpersonen sein. Entsprechend stammt dieses Statement von Wenigen bzw. Einzelpersonen und ist nicht Ausdruck eines ausgebildeten Gruppenbewusstseins, als Gruppe verstehen wir es deswegen als Aktionsplan. Wir haben entsprechend beschlossen:
auf absehbare Zeit uns in den allermeistens unserer inhaltlichen Auseinandersetzungen durch Texte, Filme und Dokus mit den Themen trans, nonbinary, Radikalfeminismus, Queerfeminismus und Transfeindlichkeit auseinanderzusetzen.
Entsprechende öffentliche Veranstaltungen abzuhalten und Posts zu diesen Themen zu veröffentlichen.

Mitglieder, die sich mit diesem Mindestmaß nicht identifizieren können und bei ihrem Chauvinismus bleiben, auszuschließen.
Uns ist für die Umsetzung dieser Veranstaltungen und Ausschlüsse mittlerweile auch klar geworden, dass Radikalfeminismus heute als Dogwhistle für Transexklusivität verwendet wird. Entsprechend war unser Post in diesem Sinne keine Darstellung des historischen Radikalfeminismus der 60er und 70er Jahre, sondern der zeitgenössischen Form, in der es so erscheint, als wäre der Kern des Radikalfeminismus gewesen, transexklusiv zu sein. So wie es aber schon damals die Debatte um die Stellung von trans Frauen gab, schließt der Radikalfeminismus doch auch heute an das Denken von Shulamith Firestone oder Monique Wittig an; und diese Ansätze und das Studium dieser feministischen Geschichte wollen wir nicht aus unserer Gruppe verbannen. Wir hoffen durch die gemeinsame Arbeit an diesen Themen eine Einigung zwischen nicht-chauvinistischem Radikalfeminismus und Queerfeminismus bzw. anderen Ansätzen mit anderen Problemen erreichen zu können. Dementsprechend wollen wir auch klären, was die Gründe für die chauvinistischen, wie auch nicht-chauvinistischen Sorgen und Probleme von Radikalfeminist:innen sind, warum die Debatte darum gerade stärker wird und was überhaupt die aktuellen Probleme des Feminismus sind.

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